Inhalte der Roy Hart-Stimmarbeit

Die Begegnung mit der eigenen Stimme, die nicht an ästhetische Normen gebunden
ist, ist eine Entdeckungsreise. Die Roy Hart Tradition geht davon aus, dass
jede Stimme ein enormes Potential, eine Vielzahl von Stimmqualitäten in sich trägt: männliche und weibliche Stimmklänge, ein großes Spektrum an Klangfarben, tiefe und hohe Töne, tierische Laute, »beauty and beast« und vieles mehr. In der Arbeit mit unterschiedlichen theatralen Qualitäten der Stimme von laut und leise, opernhaft, hechelnd, schreiend, gehaucht, gebrochen, stark oder wild, von klar gesungenen Tönen, bis hin zu Multiklängen, wird der Stimmumfang erweitert und der persönliche Ausdruck gestärkt.

Das Erlebnis, das beim Tönen und Singen entstehen kann, die eigene authentische Stimme bewusst zu erfahren, kann wie ein Blick in einen Spiegel sein, sich selber neu zu erkennen und neue Möglichkeiten für sich und sein Leben zu entdecken. Die im alltäglichen Leben ungelebten Gefühle können in die Stimmarbeit miteinbezogen werden und zu einer Erweiterung der individuellen Ausdrucksmöglichkeit führen. Die sogenannte therapeutische Komponente wird hier zu einer Voraussetzung zur künstlerischen Arbeit. Professionelle Bühnenkünstler*innen, als auch zögernde Anfänger*innen können in dieser Arbeit ihre Stimme neu erfahren und entfalten.

Die Einstimmung in den Arbeitsstunden findet durch Körperarbeit statt, in die Atemtraining und Stimme integriert werden. Im weiteren Verlauf der Unterrichtsstunden, die die Arbeit an Liedern, Texten, Improvisationen und die Erforschung der Resonanzräume beinhalten, wird die Körperbewegung immer wieder im Dienst der Stimme und des gesamten Ausdrucks eingesetzt.

Das aufmerksame Hören, während ein/e Kursteilnehmer*in einzeln arbeitet, ist wichtiger Bestandteil des Unterrichts. Dieses »Hin-Hören« und das Verständnis, das daraus erwächst, unterstützen die anderen in ihrem Tun und helfen gleichzeitig der eigenen Stimmerfahrung.

Die Tradition der Roy Hart Stimmarbeit geht davon aus, das jeder Mensch eine Stimme hat. Sie richtet sich nicht nach vorgegebenen Maßstäben, sucht nicht nach dem Belcanto oder klassifiziert die Stimme in Register, Sopran, Alt, Tenor oder Bass. Schüler*in und Lehrer*in begeben sich auf einen gemeinsamen Weg, den Ausdruck in seiner Fülle und Vielfältigkeit zu erforschen und die Freude an der Stimme zu entdecken und wieder zu beleben.

Die Wurzeln der
Roy Hart-Stimmarbeit

Alfred Wolfsohn, geboren 1896, jüdischer Abstammung, ist Gesangslehrer in Berlin. Von den Nazis verfolgt, flüchtet er 1939 nach London. Aufgrund einer Neurose, hervorgerufen durch Todesschreie seiner Mitsoldaten in den Schützengräben des 1. Weltkrieges, arbeitet Alfred Wolfsohn mit seiner eigenen Stimme und den Klängen, die ihn aus dieser Zeit verfolgen und entdeckt auf diesem Wege die Bedeutung und das Potential der »menschlichen Stimme« – »The Human Voice«. Seine Erforschung enthüllt die untrennbare Verbindung zwischen Stimme und Psyche. »Wenn ich von Singen spreche, verstehe ich es nicht nur als künstlerische Tätigkeit, sondern als eine Möglichkeit und einen Weg zur Selbsterkenntnis.« Alfred Wolfsohn stirbt 1962 in London.

Roy Hart

Geboren 1928 in Südafrika, ist Schauspieler und wird während seines Studiums an der Royal Academy of Dramatic Arts in London Schüler von Alfred Wolfsohn. Nach dem Tod von Alfred Wolfsohn formiert Roy Hart ein Ensemble und setzt die Arbeit auf künstlerischem Niveau fort. 1969 wird das Roy Hart Theater gegründet.

Mit der klaren Vision »living the voice« zieht die ca. 40-köpfige Company 1974 nach Malérargues in Südfrankreich. Ein Jahr später kommt Roy Hart bei einem Autounfall ums Leben. Die Mitglieder des Theaters haben die Arbeit seiner Begründer weiterentwickelt und arbeiten rund um den Globus in Workshops und Performances.

(Text von Edda Heeg)

Weitere Infos unter: Roy-Hart-Theater, Frankreich